Forschungsprojekt: Militär, Medizin und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit

Dr. Sebastian Pranghofer | Die Untersuchung des Militärmedizinalwesens in der Frühen Neuzeit erlaubt es, sich grundlegend mit der Rolle des Militärs in Staat und Gesellschaft zu befassen. Neuere Forschungen, vor allem zu Westeuropa und Nordamerika sowie eine vorläufige Durchsicht der Quellen und Literatur zu Preußen, Hannover und Braunschweig-Wolfenbüttel legen nahe, dass dem Militärmedizinalwesen sowohl bei den Armeen als auch bei der Herausbildung eines modernen Gesundheitswesens eine wichtige Rolle zukam. Ziel des Projektes ist es, die gesellschaftliche Rolle des Militärs bei der Herausbildung von staatlichen Institutionen und neuer Formen des Zugriffs auf die Bevölkerung im 18. Jahrhundert exemplarisch nachzuvollziehen.

Diesem Anspruch steht ein fest etablierter Topos in der militärgeschichtlichen Literatur gegenüber, nachdem das Medizinalwesen für die Armeen des Alten Reichs eine geringe militärische Bedeutung hatte. Diese Einschätzung basiert jedoch im Wesentlichen auf Arbeiten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Sie beschreiben vor dem Hintergrund der im 19. Jahrhundert entstandenen Sanitätskorps das Militärmedizinalwesen des 17. und 18. Jahrhunderts als schlecht organisiert und ineffizient.

In keiner anderen Institution der Frühen Neuzeit jedoch hatten Ärzte und Chirurgen mit einer derart großen Zahl an Kranken und Verwundeten zu tun wie in den Militärlazaretten. Zur systematischen Erfassung der Patienten und ihrer Leiden war ein ausgefeiltes Berichtssystem wichtig. Es wurden nicht nur die Patienten mit ihren Krankheiten quantitativ erfasst, sondern auch Krankheitsverlauf und die Behandlungsmethoden aufgezeichnet. In Kriegszeiten waren diese Unterlagen die Voraussetzung für das Funktionieren der oft an wechselnden Orten eingerichteten Feldlazarette. Auf ihrer Grundlage wurden nicht nur Diagnosen und Behandlungen von Patienten standardisiert, sondern auch Prognosen über die zu erwartende Zahl an Rekonvaleszenten gemacht, wodurch das Militärmedizinalwesen auch eine operationale Bedeutung erlangte.

Vor allem die Überlieferung zum Kurfürstentum Hannover und zum Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel erlaubt eine genauere Untersuchung des frühneuzeitlichen Militärmedizinalwesens. In den Beständen des Hauptstaatsarchivs Hannover und des Staatsarchivs Wolfenbüttel lässt sich nicht zuletzt die Verschränkung von Militär- und Zivilmedizinalwesen nachvollziehen. Darüber hinaus werden zur Bearbeitung der Frage nach dem Verhältnis zwischen zivilem und militärischem Medizinalwesen etwa Akten der Collegia Medica auf Landesebene sowie Ratsakten aus Garnisonsstädten wie Nienburg an der Weser herangezogen.

zuletzt verändert: 14.01.2014 11:51

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