Forschungsprojekt: Das Herbarium von Lorenz Heister (17./18. Jahrhundert)

Dr. Sabine Todt | Der Anatom Lorenz Heister (1683-1758) unterrichtete in der Helmstedter Universität nicht nur Anatomie, sondern auch Botanik. Dafür legte er über Jahre hinweg ein Herbarium an, das vermutlich von seinem Nachfolger Gottfried Christoph Beireis (1730-1809) weitergeführt wurde. Es entstanden 98 große Foliobände, in denen Pflanzen aus aller Welt auf losen Blättern mit kurzer Bezeichnung hineingelegt wurden. Bemerkenswerterweise ist das Herbarium in einem erstaunlich guten Zustand, des Weiteren wurde die Ordnung Heisters offenbar beibehalten.

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Das Projekt gliedert sich in zwei Abschnitte: 1) Digitalisierung und 2) Netzwerkforschung.

Zu 1) Die 98 Folio-Bände stehen derzeit in der alten Universitätsbibliothek der ehemaligen Universität Helmstedt in einem Schrank hinter Glas. Nach Aussage des Landkreises Helmstedt (Kulturreferat) sind sie zudem in den 1950er Jahren mit Schädlingsbekämpfungsmitteln unbekannter Art behandelt worden und gelten auch heute noch als stark belastet. Ein Zugang für interessierte Wissenschaftler/innen ist daher derzeit ausgeschlossen. In diesem Projektabschnitt soll also vor allem die Quelle, wir gehen von ca. 10.000 Blatt aus, mit Hilfe einer fotographisch-digitalen Erfassung gesichert werden. Hierfür konnte bereits die Herzog-August-Bibliothek als Kooperationspartner gewonnen werden. Zudem sollen die Marginalien auf den Blättern transkribiert und mit Hilfe eines Online-Scout-Systems recherchierbar sein. Das Digitalisat steht nach Fertigstellung, hierfür sind drei Jahre angelegt, online zur Verfügung.

Zu 2) Da die Quelle in ihrer Einzigartigkeit eine komplexe Momentaufnahme der botanischen Welt um 1800 darstellt, soll sie anhand folgender Leitfragen ausgewertet werden: Welche Ordnungssysteme und damit gültigen Wissensformen hat Heister verwendet bzw. welche Wissenskooperationen ist er eingegangen? In welchen Netzwerken agierte er? Und wie sah die Wissensvermittlung als Universitätsdozent aus? Für diesen Projektabschnitt ist die Sichtung und analytische Auswertung des Herbariums, Heisters Briefwechsel, seiner Schriften usw. vorgesehen.

Es handelt sich in diesem Projekt um die Beleuchtung des botanischen Wissensdiskurses um 1800 und damit um die Durchsetzbarkeit von Hierarchisierungen, Nomenklaturen und Taxonomien. Vor allem aber soll diese einzigartige Quelle der Forschung in einer medialen Form zugänglich gemacht werden, die sie (hoffentlich) zeitlos erhalten soll.

Zu diesem Thema hat im April 2012 ein Workshop in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel stattgefunden.

zuletzt verändert: 07.04.2014 16:16

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