Massenmobilisierung in der Ära Brežnev? Das Großprojekt KamAZ/Naberežnye Čelny

Ein abgeschlossenes Dissertationsprojekt von Esther Meier

Die Stadt Naberežnye Čelny (Tatarstan) war neben der Baikal-Amur-Magistrale und Togliatti das sowjetische Prestigeobjekt der Brežnev-Ära. In Naberežnye Čelny wurde mit KamAZ eines der größten Lastwagenwerke der Welt gebaut sowie eine Stadt, die als Prototyp der poststalinistischen „sozialistischen Stadt“ galt. Der Aufbau wurde mit großem materiellem und ideellem Aufwand betrieben. Zur Mobilisierung der Bevölkerung wurde aufgeboten, wer in der Sowjetunion der 1970er Jahre Popularität genoss und zur Traditionsbildung genutzt werden konnte (Vladimir Vysockij, Aleksej Stachanov, der tatarische Komponist Chusnulla Valiullin etc.). Hunderttausende Menschen aus allen Teilen der Sowjetunion wanderten zu, ca. 70 verschiedene „Nationalitäten“ waren vertreten.

Nach Brežnevs Tod 1982 wurde Naberežnye Čelny (Tatarisch: Jar Čally) in Brežnev umbenannt und somit zum Symbol für eine ganze Epoche erklärt. Die Brežnev-Ära galt in der Forschung lange als Phase der Stagnation, des Zerfalls sowjetischer Werte und des Rückzugs der Bevölkerung ins Private. Wie nun lässt sich ein Großprojekt wie Naberežnye Čelny in eine solche Zeit einordnen? Was sahen die offiziellen Programme vor und wie wurden diese von den Menschen in ihren Alltag übersetzt? Die Arbeit fragt nach der Partizipation der Bevölkerung und diskutiert diese in verschiedenen Zusammenhängen: Mediale Inszenierung, Arbeit und Konsum, Migration, Stadtentwicklung und Architektur, Ausbildung nationaler Eliten und Devianz („Hooliganismus“, „Parasitentum“). Während in der sowjetischen Theorie vermeintliche Industrieneugründungen wie Naberežnye Čelny als Zentren der gewünschten kulturellen Vereinheitlichung beschrieben wurden, ist die Stadt nach dem Zerfall der Sowjetunion als Hochburg des tatarischen Nationalismus in die Schlagzeilen geraten.

zuletzt verändert: 23.04.2014 11:18

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