Zuflucht im "Dritten Reich"? Osteuropäische Kollaborateure und Antikommunisten als Flüchtlinge im NS-Staat.

Forschungsprojekt bezüglich der Flucht osteuropäischer Kollaborateure und Antikommunisten ins "Dritte Reich", durchgeführt von Dr. Jan-Hinnerk Antons.

Thema

Mit der Wende des Zweiten Weltkrieges nach Stalingrad und dem beginnenden Rückzug der Wehrmacht entstand für die Menschen, die in den besetzten Gebieten mit den Deutschen zusammengearbeitet hatten, eine neue Situation. Die Rückkehr der alten Machthaber, in deren Augen sie Landesverräter waren, würde ganz sicher Repressionen für sie bedeuten. Wer in militärischen Verbänden auf Seiten der Nationalsozialisten gekämpft  oder in Polizeiformationen gedient hatte, wurde zunächst an anderer Stelle eingesetzt. Doch viele Kollaborateure aus Wirtschaft, Verwaltung, Justiz etc. flohen aus eigenem Antrieb in Richtung des Reichsgebietes. Die Furcht vor Repression musste dabei nicht zwangsläufig mit vorangegangener Kollaboration verbunden sein, insbesondere in den 1939 von der Sowjetunion eingenommenen östlichen Gebieten des polnischen Staates waren auch soziale Stellung, gesellschaftliche Position oder politische Überzeugung Gründe, die Rückkehr der Sowjetmacht zu fürchten.

Die Zahl dieser Flüchtlinge ist nicht vollständig bekannt, erste Hinweise geben Kathrin Boeckh (Stalinismus in der Ukraine, S. 239), die von 120.000 Flüchtlingen aus der Ukraine ausgeht, und Pavel Polian, der von einer Million Menschen spricht, die teils freiwillig teils zwangsweise mit der Wehrmacht aus sowjetischem Gebiet gen Westen zurückwichen.

Fragestellung

Flüchtlinge, die auf eigene Faust vor der Roten Armee flohen, wurden an der Reichsgrenze gesammelt, durch eigens gegründete "Albert-Kommissionen" empfangen und durch das Reichsarbeitsamt zu Arbeitgebern im Reich vermittelt. Nach der Befreiung waren sie von den Alliierten in der Regel nicht von Zwangsarbeitern zu unterscheiden (offizielle Bezeichnung war jeweils Zivilarbeiter). Wie unterschied sich aber ihre Behandlung durch die nationalsozialistische Führung einerseits und ihre Arbeitgeber im direkten Kontakt andererseits?

Ab Mitte 1943 wurden in Hamburg bereits ukrainische Schutzmannschaften als Feuerlöschpolizei eingesetzt, 1944 stellten Ukrainer ein Viertel der Hamburger Feuerwehrkräfte. Sie übten verantwortungsvolle und schwer kontrollierbare Tätigkeiten aus und wurden dabei zunächst nicht in einem mit Ostarbeitern vergleichbaren Rahmen diskriminiert. Welchen Weg nahm die NS-Führung allgemein – zwischen ideologischer Subjugation der "Untermenschen", politischer Bündnistreue mit antibolschewistischen Hilfstruppen und Nützlichkeitserwägungen hinsichtlich des Arbeitseinsatzes – im Umgang mit ihnen? Wie wirkte sich die gegen Ende des Krieges aufkommende Bereitschaft, zugunsten der militärischen Zusammenarbeit politische Zugeständnisse an osteuropäische Kollaborateure zu machen, auf die Behandlung der Flüchtlinge aus? Konkret lässt sich etwa Fragen, wieviel Mitbestimmung den Flüchtlingen bei der Arbeitsaufnahme und der Verteilung im Reich gewährt wurde.

Neben der Frage der politischen Reaktion auf die veränderten Bedingungen der Bevölkerungspolitik interessiert hier auch die Frage der diskursiven Einbettung. Wie verkaufte die NS-Führung die Aufnahme von bisherigen "Untermenschen" als Flüchtlinge, denen politische Solidarität entgegengebracht wird, an die Bevölkerung? Wie wurden sie von ihren deutschen Arbeitgebern, Kollegen und der restlichen Bevölkerung wahrgenommen? Diese Frage ist auch für die Wahrnehmung der Displaced Persons nach dem Krieg von Bedeutung.

 

Ein zweiter Bereich beschäftigt sich mit der Frage, wie die Flüchtlinge ihre Zuflucht im "Dritten Reich" interpretierten. War es politisch-ideologisches Vorbild, der beste Bündnispartner gegen die Sowjetunion oder nur das kleinere von zwei Übeln? Wie veränderte sich die Wahrnehmung des NS mit der Ankunft im Reich und seinem Untergang? War die Flucht ins Reich vom Glauben an dessen militärischen Sieg geleitet oder bestand von Anfang an die Absicht in den Machtbereich der Westalliierten zu gelangen?

zuletzt verändert: 01.12.2015 14:19

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