"68" an einer deutschen Universität. Eine Fallstudie zur Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt a. M.

Im Projekt wird als Forschungshypothese davon ausgegangen, dass „68“ in der Universität einen zentralen institutionellen Ort besaß, an dem die für die 68er relevanten Diskurse entwickelt wurden, die Habitualisierungen der 68er erfolgten, von dem die das Phänomen „68“ in der Öffentlichkeit charakterisierenden Aktionen ausgingen und über den personelle Netzwerke gebildet wurden, in denen Bewegungen und Personen zusammengeführt und durch die sich „68“ in unterschiedlichste Lebensbereiche und Institutionen weiter ausdehnte. Das Forschungsprojekt untersucht daher die Universität Frankfurt, die eines der Zentren der Studentenbewegung darstellte, als Institution, als Sozialisationsraum der Studierenden, Assistenten und Professoren, als Ziel von Reformen und unter diesen Perspektiven als katalysatorischen Ort des Phänomens „68“. Das Projekt arbeitet dabei mit einem feldspezifischen Generationsansatz, indem es als weitere Forschungshypothese von drei akademischen Generationen (der vor dem Ersten Weltkrieg geborenen Professorengeneration, der in den zwanziger Jahren geborenen Professorengeneration und der in den späten dreißiger und vierziger Jahren geborenen Assistenten- und Studentengeneration) ausgeht, die sich in der Universität begegneten. Die Habitusdemonstration und Habitusbildung dieser Generationen im sozialen Raum der Universität wird als konstitutiv für die Entwicklung der Ereignisse in der Universität und für die Studentenbewegung angenommen. Erst die konkrete Auseinandersetzung und Konfrontation innerhalb der Universität, die sich an der Reform der Leitungs- und Verfügungsstruktur der Universität und an der durch die älteren Generationen vertretenen Auffassung von den Aufgaben der Wissenschaft entzündete, so die dritte Forschungshypothese, führte in einem gruppendynamischen Prozess zur Konstitution und zur sukzessiven Radikalisierung der Studentenbewegung. Zugleich wird untersucht, inwieweit die relativ erfolgreiche gelegentliche Störung des allgemeinen Universitätsbetriebs Studierende als opinion leaderihrer Gruppen zu der realitätsfernen Vorstellung verleitete, auch die gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse nachhaltig irritieren und damit eine Veränderung einleiten zu können. Dabei geht das Forschungsprojekt zugleich davon aus, dass es für die bedeutende Rolle der Universität im Rahmen von „68“ einer politischen Gelegenheitsstruktur, sozialer Verschiebungen und neuer Bewusstseinslagen bedurfte.

Grundlage des Projekts ist das Archiv von Walter Rüegg, 1961-1973 Professor für Soziologie an der Universität Frankfurt und von 1965-1970 ihr Rektor. Diese Archivmaterialien werden durch weitere Archive ergänzt. Durch die Qualität und den Umfang der Rüeggschen Sammlung (Dokumenta­tion der Entwicklungen und Reaktionen jeweils auf Seiten der Professoren, der Verwaltung, der Universitätsleitung, des akademischen Mittelbaus, der Studierenden und der publizistischen Öffentlichkeit) können Ereignisse und Entwicklungen „dicht beschrieben“ (Clifford Geertz) werden, so dass „die Vielfalt komplexer, oft übereinandergelagerter oder ineinander verwobener“ Ereignisketten, Prozesse und Vorstellungswelten fassbar und darstellbar gemacht werden können (Geertz) und die Eigendynamik der universitären Ereignisse sowie die Bedeutung individueller und gruppen- sowie generationsspezifischer Reaktionen sichtbar werden. Das beantragte Projekt verfolgt dabei einen interdisziplinären institutionengeschichtlichen, sozialisationshistorischen, sozial-, kultur- und politikgeschichtlichen Ansatz.

zuletzt verändert: 18.07.2012 10:53

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