Universitäre Sozialisation in Deutschland, England und den USA 1870-1930

Im Rahmen der internationalen historischen Bildungsforschung ist die Geschichte der Bildungssysteme und der einzelnen Schultypen und Universitäten inzwischen umfassend aufgearbeitet worden. Die konkreten Sozialisationsprozesse der Schüler und Studierenden werden jedoch noch immer entweder über die Erinnerungen berühmter Personen an ihre Schul- und Studienzeit oder aus vereinzelten Autobiographien rekonstruiert.

Die Forschung zur Geschichte der Universität ist daher bislang vor allem eine Struktur-, Sozial- und Wissenschaftsgeschichte, die die Entwicklung der Universitätsstrukturen (auch im internationalen Vergleich), die Herkunft der Lehrenden und der Studierenden, die Entwicklung der Studierendenfrequenzen, die Geschichte einzelner Disziplinen, der Wissenschaftsorganisation und -kooperation untersucht. Daneben treten Einzeluntersuchungen zu Fragen der akademischen Geselligkeit oder zu den Männlichkeitsriten an den Universitäten. Einen großen Raum nimmt zudem in der deutschen Forschung die Geschichte der Studentenverbindungen ein, die aber ebenfalls weitgehend eine – umfassende oder einzelne Burschenschaften und Corps analysierende - Geschichte der Verbindungsstrukturen und -riten sowie eine Analyse des offiziellen Schrifttums der Studentenverbindungen ist.

Im Forschungsprojekt „Universitäre Sozialisation in Deutschland, England und den USA zwischen 1870 und 1930“ soll daher im internationalen Vergleich nach der realen Ausgestaltung des Sozialraums Universität und den entsprechenden Sozialisationserfahrungen der Studierenden gefragt werden: nach den Beziehungen zwischen Professoren und Studierenden, den Lehr- und Lernformen an den Universitäten, dem Verlauf des Studienalltags, der Organisation der Studienverläufe und Prüfungen, den universitären Vereinen und Zirkeln (Musik-, Theater- und Sportvereine; informelle Lese- und Diskussionszirkel); aber auch nach dem Verhältnis und der Gewichtung der Universität als Ort des Studiums und den Studentenverbindungen bzw. anderen außeruniversitären Aktivitäten der Studierenden.Ziel ist (unter Einbezug der vorauslaufenden unterschiedlichen familialen und schulischen Sozialisation), die universitäre Sozialisation an den deutschen Universitäten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert mit der Sozialisation an den privaten Elite-Universitäten Oxford/Cambridge und den staatlichen „red-brick-universities“ in England sowie an ausgewählten us-amerikanischen staatlichen und privaten Universitäten zu vergleichen. Die dort jeweils vertretenen Persönlichkeitskonzepte und erzeugten Handlungsorientierungen sollen untersucht werden und dabei Strukturanalysen der Universitätsentwicklung und konkreten Forschungs- und Lehrorganisation mit individual- und kollektivbiographischen Analysen verbunden werden.

Neben der Ermittlung und Erfassung sogenannter sozialisatorischer ‚Normalverläufe‘ (durch Universitätsmatrikel, offizielle Lebensläufe anlässlich von Prüfungen, universitäre Verwaltungsakten sowie Briefe, Tagebücher und persönliche Nachlässe) sollen auch die außergewöhnlichen Biographien der diese Institutionen durchlaufenden Künstler und Intellektuellen (der George-Kreis, Protagonisten der Jugendbewegung, Thomas Mann, Walter Benjamin u. a. für Deutschland, Oscar Wilde, Rupert Brooke, Edward Morgan Forster, John Maynard Keynes, Eric Hobsbawm u. a. für England: T.S. Eliot u.a für die USA) exemplarisch erfasst und deren spezifische Selbstkonzepte, Kunst- und Wissenschaftsprogramme und Reformziele in den Zusammenhang ihrer Sozialisationserfahrungen gestellt werden.Deutschland steht dabei für ein öffentliches Bildungssystem mit gleichwertigen Universitäten, England für ein geteiltes System aus öffentlichen und privaten Universitäten, die USA für ein ebenfalls geteiltes System als öffentlichen und privaten Universitäten, jedoch im Unterschied zu England ergänzt durch eine radikale Schulautonomie und entsprechende Aufnahmeverfahren für die Universitäten. Während die USA im 19. Jahrhundert Teile des deutschen Universitätssystems durch Einführung der Masterphase übernahm, behielt England die seit dem Mittelalter gewachsenen Universitätsstrukturen bei.Untersucht werden sollen dabei exemplarisch je eine Großstadtuniversität, da diese besondere Sozialisationsbedingungen bietet, und eine kleinstädtische Traditionsuniversität, die eine besondere Studentenklientel anzieht und ein besonderes universitäres Leben bereitstellt.

Folgende Universitäten kommen in Frage:

  • In Deutschland die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin und die Universität Göttingen
  • In England Oxford und Manchester (gegr. 1851)
  • In den USA Harvard und New York

Das Projekt befindet sich aktuell in der Planungsphase.

zuletzt verändert: 21.09.2015 18:10

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