Tagungsbericht Hildesheim 2010

Tagungsbericht: „Familienkulturen – (und) Familientraditionen“ – Tagung des Arbeitskreises Historische Familienforschung (AHFF) der Sektion Historische Bildungsforschung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft an der Stiftung Universität Hildesheim

von Dipl.-Päd. Karla Verlinden, Universität zu Köln

Am 29. und 30. Januar 2010 luden Prof. Dr. Meike S. Baader (Hildesheim), Prof. Dr. Carola Groppe (Hamburg) und PD Dr. Gerhard Kluchert (Hamburg) zu einer zweitägigen Tagung zum Thema Familienkulturen – (und) Familientraditionen nach Hildesheim ein. Vor dem Hintergrund der aktuellen, inner- und außerwissenschaftlichen Aufmerksamkeit für die Bedeutung von Familienkulturen und Familientraditionen im Zusammenhang von Schulleistungen, Lebensführungsmodellen und sozialer Platzierung fragte die Tagung nach der innerfamiliären und der gesellschaftlichen Bedeutung von Familienkulturen und -traditionen und ihrer Entwicklung aus historischer Perspektive. Ziel war, die historische Bedingtheit aktueller Problemlagen aufklären zu helfen sowie durch den Bezug auf solche Problemlagen neue historische Forschungsperspektiven zu eröffnen. Die zehn Vorträge der Referentinnen und Referenten aus unterschiedlichen Fachdisziplinen (u. a. Geschichts-, Erziehungs- und Literaturwissenschaft), die sämtlich aus laufenden Forschungsprojekten hervorgingen, fokussierten die innerfamiliäre und gesellschaftliche Bedeutung von Familienkulturen und -traditionen sowie deren historische Entwicklung auf verschiedenen Ebenen.

Den Auftakt der Tagung bildete der Vortrag von Tilmann Walter (Würzburg). In seinem Vortrag zu Familientraditionen und Erziehungsziele in Basler Gelehrtenfamilien der Frühen Neuzeit rekonstruierte der Historiker und Germanist anhand von Familienbriefen Aspekte der Sozialisation junger Gelehrter im 16. Jahrhundert. Am Beispiel des jungen Medizinstudenten Felix Platter (1536-1614) zeigte Walter unter anderem durch die Auswertung von Briefen zwischen Vater und Sohn auf, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen sozialer Aufstieg bzw. eine erfolgreiche Gelehrtenbiographie gelingen konnte: Besonders der von Platters Eltern formulierte Leistungsanspruch an den Sohn, so resümierte Walter, sei von diesem übernommen und zu einer internalisierten Zielformulierung transformiert worden, so dass Platters Karriere sich erfolgreich entwickelte und in der Funktion eines fürstlichen Leibarztes endete. Dem beiderseitig einvernehmlichen Karriereziel von Eltern und Sohn, das sich in diesem Beispiel positiv verquickte, stellte Walter die konträre Biographie aus einer anderen Gelehrtenfamilie gegenüber, bei der sich der Leistungsanspruch, der dem Sohn vermittelt wurde, kontraproduktiv und dysfunktional auswirkte.

Im zweiten Vortrag betrachtete Hartmut Schleiff (Freiberg) den Zusammenhang von Familie und Bildung unter dem Gesichtspunkt der sozialen Mobilität und Reproduktion am Beispiel der Funktionselite der Montanexperten im sächsischen Bergstaat zwischen 1766 und 1868. Der Referent zeigte anhand von Professoren und Lehrern der Bergakademie sowie von Verwaltungseinheiten des Bergamts Johanngeorgenstadt und der Maschinendirektion auf, wie stark Bildung im Zusammenhang familiärer Herkunft die Aufstiegschancen beeinflusste. Der transgenerationelle Vergleich für die Lehrenden der Bergakademie machte deutlich, dass hier für das 19. Jahrhundert der Forschungsbegriff der Familienuniversität in Anwendung zu bringen ist. Darüber hinaus trug Schleiff Beispiele für den Transfer sozialen Kapitals vom Vater auf den Sohn vor und verdeutlichte implizite und explizite Strategien des sozialen Aufstiegs – etwa wenn im sächsischen Bergstaat etablierte Väter für ihre Söhne die Aufnahme in die Bergakademie oder Stipendien beantragten.

Ulf Morgenstern (Leipzig) referierte über "Die Schückings. Eine liberale Gelehrtenfamilie in ihren Lebensstilen, Familientraditionen und bildungsbürgerlichen Elitekonzepten". Im Zentrum stand die Analyse der Wertetradierung zwischen den verschiedenen Mitgliedern und Generationen der aus dem linksliberalen Milieu stammenden Familie Schücking, die vom 17. bis zum 20. Jahrhundert stets im politischen und gesellschaftlichen Geschehen Westfalens und darüber hinaus aktiv war. Auf der Grundlage der Auswertung einer Vielzahl veröffentlichter und unveröffentlichter Quellen rekonstruierte Morgenstern die Schücking-Traditionen (kultivierter Familienstolz, Landsitze, Wappen, Ahnenforschung) und deren Weitergabe zwischen den Generationen mit dem Ziel der „Konservierung der Achtung des Namens Schücking“ und der „Aufrechterhaltung der Familienerinnerung“ und einer entsprechenden Identitätsbildung.

Der nächste Vortrag stammte von Christina Rahn (Frankfurt) und behandelte die Nachfolge in Familienunternehmen zwischen Tradition und Veränderung. Rahn untersuchte über Leitfadeninterviews mit Angehörigen mehrerer Generationen von Unternehmerfamilien die Tradierungs- und Transferprozesse des „familialen Erbes“ zwischen Nachkriegszeit und Gegenwart. Anhand eines Fallbeispieles zeigte die Referentin, wie sich Übergänge zwischen einem autoritären Haushalt mit strengem Arbeitsethos zu einem Verhandlungshaushalt mit Aufwertung von Familienzeit entwickeln und wie dabei der verpflichtende Charakter der unternehmerischen Nachfolge einer Neuordnung unterzogen wird.

Im Mittelpunkt des darauf folgenden Vortrages "Von Großeltern zu Enkeln. Tradierungsprozesse über zwei Generationen" von Christina Radicke (Göttingen) stand die Frage, welche Leitlinien der Lebensgestaltung von Großeltern weitergegeben, welche Leitlinien modifiziert oder aufgegeben werden und wie deren Vermittlung gestaltet wird. Hierzu wurden die Generationenbeziehungen und die Erziehungsmethoden mittels narrativer Interviews in den Blick genommen. Mit Bezug auf Bourdieus Habitustheorie und Halbwachs’ Ausführungen zur Erinnerungsthematik sei davon auszugehen, so Radicke, dass Familien einen starken Einfluss auf die Entwicklung von Leitlinien der Lebensgestaltung ihrer Mitglieder haben. An Beispielinterviews, die mit einem Enkelkind sowie dessen Eltern und Großeltern geführt wurden, zeigte Radicke, dass sich Tradierungen und Modifikationen anhand von Leitlinien der Lebensgestaltung herausarbeiten lassen. Dies gibt der Referentin Anlass zu der Vermutung, dass sich nachfolgende Generationen auf die existierenden Leitlinien beziehen, sich mit ihnen auseinander setzen, diese zwar nicht zwangsläufig exakt übernehmen, wohl aber weiterentwickeln oder umformen. Radicke resümierte: Ein wichtiges Element der großelterlichen Erziehung, die die Tradierung bestimmter Lebensstrukturen begünstigen dürfte, sei die unmittelbare Erfahrbarkeit dieser Strukturen.

Den zweiten Tagungstag eröffnete Petra Götte (Augsburg) mit einem Vortrag, in dem sie sich mit Traditionsbildung in Auswandererfamilien im frühen 20. Jahrhundert im Kontext der deutschen Einwanderung in die USA befasste. In ihrem Vortrag rückte Götte die Auswandererfamilie Krüger in den Fokus und beschrieb anhand fotografischer Quellen deren familiale Identitätsentwürfe. Mit ihrer Bildanalyse durchbrach sie die „Dominanz des Narrativen“ in der Identitäts- und Biographieforschung, die sich meist nur auf sprachliche Manifestationen bezieht. Ausgangspunkt war bei ihrer Betrachtung die Annahme, dass für familiale Identitäten die Konstruktion einer identitätsstiftenden gemeinsamen Vergangenheit und die Herausbildung und Pflege bestimmter Familientraditionen von besonderer Bedeutung sind, wie es auch bei nationalen Kollektiven der Fall ist. Die Fotos der Familie Krüger sind für Götte eine symbolische Manifestation von Identitätsarbeit. Mit Hilfe der seriell-ikonografischen Fotoanalyse entwickelte sie Erklärungsansätze, wie die Familie Krueger ihre Identität gestaltete und welche familialen Traditionen und Traditionslinien sie für sich entwarf.

Kathrin Zeiß (Göttingen) beschrieb in dem darauf folgenden Vortrag Familienkulturen transnational: Marokkanische Migrantinnen zwischen Abgrenzung und Einbindung: In biografischen Interviews ging sie der Frage nach, inwiefern sich marokkanische Frauen nach ihrer Migration nach Frankreich auf den neuen Lebenskontext einstellen und wie sie sich gegenüber ihren Herkunftsfamilien und Kindern/Ehepartnern verorten. In den 25 geführten Interviews werde deutlich, so Zeiß, dass die Herkunftskultur der Interviewpartnerinnen als Teil der Familienkultur verstanden wurde und sich in den neuen Lebenskontext einbinden ließ. In der anschließenden Diskussion wurde es als Forschungsproblem angesehen, dass sich für die Interviews leider nur Migrantinnen zur Verfügung stellten, deren Migration als „geglückt“ gelten kann und sich marokkanische Migrantinnen, deren Migrationsgeschichte „weniger erfolgreich“ war, nicht zu Wort melden. Ein direkter Vergleich werde so erschwert.

In ihrem Vortrag Lesarten des Geschlechts – Erziehung der Jugend bei J. H. Campe untersuchte Nadine Humpert (Köln), inwieweit Campes Jugendratgeber „Theophron oder der erfahrne Rathgeber für die unerfahrne Jugend“ (1783) sowie „Väterlicher Rath für meine Tochter“ (1789) ‚anders’, im Sinne einer neuen Betrachtung der Geschlechterverhältnisse gelesen werden können. Beide Schriften seien bislang in der modernen Genderforschung nur auszugsweise untersucht und in ihrer Lesart sehr einseitig interpretiert worden. In ihrem Beitrag fokussierte Humpert Campes Vorstellungen zur Erziehung und Sozialisation männlicher Heranwachsender und zeigte exemplarisch, wie sich der ‚Ideal-Typus’ von Maskulinität im „Theophron“ gestaltete. In der anschließenden Diskussion wurde angeregt, Campes Schriften zur Industrieschulpädagogik sowie die Inszenierung der Vater-Sohn-Beziehung im „Theophron“ stärker mit ins Blickfeld zu nehmen.

Gwendolyn Whittaker (Konstanz) stellte in Überforderte Schüler. Die Rolle der Familie im Überbürdungsdiskurs um 1900 vor, indem sie sich mit der Rolle der Familie in der Schulliteratur der Jahrhundertwende beschäftigte. Whittaker beschrieb anhand unterschiedlicher „Erschöpfungsgeschichten“, wie Irritationen von Familientraditionen, die vor allem mit dem elterlichen Leistungsanspruch einhergingen, durch den öffentlichen Diskurs zur Überbürdung der Heranwachsenden entstanden. Als das Ergebnis des prekären Prozesses zwischen überengagierten Eltern und bildungspolitischen Reformen, der in der Literatur aufgegriffen wurde, sieht Whittaker, dass die Biographien der Väter von den Söhnen nicht mehr konform und problemfrei fortgeführt worden seien. Dieses Ergebnis lasse die Bedeutung von Familientraditionen fraglich werden.

Der letzte Vortrag der Tagung stammte von Till Kössler (München), der Familienkulturen im säkular-religiösen Konflikt untersuchte. Am Beispiel Spaniens in den Jahren 1900-1936 beschrieb Kössler die unterschiedlichen politischen Lager und die jeweiligen Bestrebungen, Einfluss auf die Familie geltend zu machen. Aus Kösslers Analyse populärer Zeitschriften, die als Sprachrohr der politischen Instanzen und Parteien dienten, konnten unterschiedliche Familienmodelle abgeleitet werden, die sich den gegenüberstehenden politischen Richtungen zuordnen lassen (Familie und elterliche Autorität als konservatives Leitbild bei den neukatholischen Reformern versus Republikanisierung und Neuordnung familialer Beziehungen bei dem linksliberalen Lager). Die Familien sahen sich zwischen die politischen Positionen gestellt und reagierten ambivalent und eigenständig auf die jeweiligen Reformversuche. Vielfach wurde das ‚Kontinuum der Mitte’ als Familienmodell gewählt, so das Fazit Kösslers.

Die abschließende Diskussion fasste die Ergebnisse der Tagung zusammen und eröffnete Perspektiven für eine weitere Beschäftigung mit dem Thema „Familienkulturen – (und) Familientraditionen“. Insgesamt wurde deutlich, dass sich die historische Forschung bislang stark auf gesellschaftskonforme Familienmodelle und -beziehungen konzentriert. Um die Komplexität und Bedeutung von Familienkulturen und -traditionen historisch zu erfassen, bedarf es aber auch der Untersuchung von alternativen Modellen, Prozessen des Scheiterns, von Brüchen und Diskontinuitäten in den Kulturen und Traditionen. Dazu müsste das theoretische, begriffliche und konzeptuelle Instrumentarium der historischen Familienforschung stärker reflektiert werden sowie – in Aufnahme aktueller Problemstellungen – auch Geschlechterdiskurse, Migrationsprozesse und international-vergleichende Perspektiven stärker berücksichtigt werden. Diese Forschungsaspekte sollen auf der nächsten Tagung des Arbeitskreises Historische Familienforschung im Januar 2011 stärker fokussiert werden und den bisherigen, fruchtbaren interdisziplinären Diskurs erweitern.

Konferenzübersicht:

Tilmann Walter, Würzburg

Familientraditionen und Erziehungsziele in Basler Gelehrtenfamilien der Frühen Neuzeit

Hartmut Schleiff, Freiberg

Die Rolle der Familie bei der Konstitution und Reproduktion der montanistischen Funktionselite in Sachsen

Ulf Morgenstern, Leipzig

Die Schückings. Eine liberale Gelehrtenfamilie in ihren Lebensstilen, Familientraditionen und bildungsbürgerlichen Elitekonzepten

Christina Rahn, Frankfurt

„Es war vorherbestimmt, was uns mir werden sollte…“ – Nachfolge in Familienunternehmen zwischen Tradition und Veränderung

Christina Radicke, Göttingen

Von Großeltern zu Enkeln: Tradierungsprozesse über zwei Generationen

Petra Götte, Augsburg

Mit der Vergangenheit in die Zukunft. Traditionsbildung in Auswandererfamilien im frühen 20. Jahrhundert

Kathrin Zeiß, Göttingen

Familienkultur transnational: Marokkanische Migrantinnen zwischen Abgrenzung und Einbindung

Nadine Humpert, Köln

Lesarten des Geschlechts – Erziehung der Jugend bei Joachim Heinrich Campe

Gwendolyn Whittaker, Konstanz

Überforderte Schüler. Die Rolle der Familie im Überbürdungsdiskurs um 1900

Till Kössler, München

Familienkulturen im säkular-religiösen Konflikt. Das Beispiel Spanien (1900-1936)

zuletzt verändert: 18.07.2012 10:53

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