1/2014

Debatte zum Umgang mit sexueller Vielfalt

Das Coming-out des ehemaligen Fußballprofis Thomas Hitzlsperger löste ein nahezu durchweg positives Medienecho aus. Diesem schlossen sich zahlreiche Politikerinnen und Politiker sowie Vertreterinnen und Vertreter des DFB-Kaders an, die dem öffentlichen Bekenntnis Hitzlspergers zu seiner Sexualität „Respekt“ zusprachen. Für einen Moment vergessen schienen die Diskussionen der vergangenen Wochen und Monate, in denen vor allem gesellschaftlicher Protest gegen die rechtliche Gleichstellung von homosexuellen gegenüber heterosexuellen Menschen laut wurde: In Frankreich gingen kurz zuvor Hunderttausende auf die Straße, um gegen die Gleichstellung der Ehe für homosexuelle Paare zu demonstrieren. Der Supreme Court in Washington, das höchste Gericht der Vereinigten Staaten, verhandelte zur gleichen Zeit ähnliche Fragen. Auch in deutschen Diskursen und Institutionen ist sexuelle Vielfalt längst keine Selbstverständlichkeit. Während es hierzulande um die Diskussionen über die jüngsten Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zur steuerlichen Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften ruhiger geworden ist, diente Ende 2013 ein Arbeitspapier des Baden-Württembergischen Bildungsplans für 2015, das unter anderem Toleranz gegenüber sexueller Vielfalt als Lernziel im Unterricht verankern will, als Angriffsfläche zahlreicher Kritikerinnen und Kritiker. Konkret heißt es in dem Papier:

„Die Kinder und Jugendlichen müssen in der Lage sein, ihre eigenen Wertvorstellungen und Haltungen zu reflektieren und weiter zu entwickeln, Probleme und Konflikte friedlich zu lösen bzw. auszuhalten, aber auch Empathie für andere entwickeln zu können und sich selbst bezüglich des eigenen Denkens und Fühlens zu artikulieren und – wenn nötig – auch zu relativieren. Das macht es auch erforderlich, die Perspektiven anderer Personen und Kulturen übernehmen zu können, Differenzen zwischen Geschlechtern, sexuellen Identitäten und sexuellen Orientierungen wahrzunehmen und sich für Gleichheit und Gerechtigkeit einsetzen zu können.“

Gegen diese Pläne richtet sich die Onlinepetition eines Lehrers aus Nagold in Baden-Württemberg unter dem Titel „Zukunft – Verantwortung – Lernen: Kein Bildungsplan 2015 unter der Ideologie des Regenbogens“, der sich bereits über 190.000 Personen anschlossen. Nach Ansicht der Unterstützerinnen und Unterstützer der Petition zielt der Bildungsplan „auf eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“. Gefordert wird u.a. ein „‘Nein‘ zur Überbetonung einzelner Gruppen und ihrer Interessen“.

Nicht (an)erkannt wird, dass in den gesellschaftlichen Strukturen, in ihren Institutionen, Medien etc. bestimmte Lebensstile oder Zugehörigkeiten ständig überbetont und als Norm gesetzt werden – sei es z.B. eine weiße Hautfarbe, der als nichtbehindert gelesene Körper, die eigene Wahrnehmung als eindeutig weiblich oder eindeutig männlich oder eben die Heterosexualität.

Menschen leiden zumeist nicht an ihren diversen Zugehörigkeiten, sie leiden unter Rassismus, Homophobie, diskriminierenden Praktiken und Strukturen. Darauf, dass sich fast die Hälfte der Homo-, Bi- und Transsexuellen in Europa wie in Deutschland diskriminiert fühlt und dass der Schule hierbei eine herausgehobene Bedeutung zukommt, verwies eine Studie der EU-Grundrechte-Agentur von 2013. Ein inklusives und diskriminierungssensibles Erziehungs- und Bildungssystem kann Wege für mehr Gerechtigkeit öffnen. Wenn aber eine Petition kritisiert, dass Lehrkräfte den Schülerinnen und Schülern vermitteln sollen, dass „sämtliche LSBTTIQ-Lebensstile […] ohne ethische Beurteilung gleich erstrebenswert und der Ehe zwischen Mann und Frau gleichzustellen […]“ sind und wenn es heißt: „Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgt noch nicht, dass jedes Verhalten als gleich gut und sinnvoll anzusehen ist.“ – dann braucht es in erster Linie auch den politischen und rechtlichen Willen dazu.

Gegenpetitionen können auf den Portalen Openpetition und Campact unterzeichnet werden. 

 

zuletzt verändert: 18.11.2015 15:27

Artikelaktionen