11/2014

Studie: „Marktförmiger Extremismus“ – ein Phänomen in der Mitte der Gesellschaft

Unter dem Titel „Fragile Mitte – Feindselige Zustände“ hat die Friedrich-Ebert-Stiftung eine neue Studie zu rechtsextremen Einstellungen in Deutschland herausgegeben, die vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld durchgeführt wurde. Die alle zwei Jahre veröffentlichte Studie untersucht, in welchem Ausmaß rechtsextreme Einstellungen in der Bevölkerung verbreitet sind. In diesem Jahr wurden dazu zwischen Juni und August rund 2000 BürgerInnen befragt.

Die Ergebnisse der Studie weisen insgesamt auf einen Rückgang rechtsextremer und menschenfeindlicher Einstellungen in Deutschland gegenüber den Vorjahren hin. Allerdings kann laut Studie eine Verlagerung von offenen hin zu subtileren Formen rechtsextremer Ansichten beobachtet werden. So ist bei der Zustimmung zu Etabliertenvorrechten, d.h. einer Distanzierung zu Neuhinzugezogenen, ein Anstieg zu verzeichnen. Diesem Ergebnis entspricht, dass fast die Hälfte der befragten Personen eine negative Einstellung zu Asylsuchenden hat. Auch Langzeitarbeitslosen schlagen starke Ressentiments entgegen. Fast die Hälfte der BürgerInnen unterstellt ihnen, sie seien nicht wirklich interessiert daran, einen Job zu finden.

Auffällig verbreitet sind laut den AutorInnen der Studie zudem extrem marktförmige Einstellungen zur Gesellschaft, die als „marktförmiger Extremismus“ bezeichnet werden. Dieser bewertet Wettbewerb und Fortschritt höher als Solidarität und Gleichwertigkeit. So habe sich die seit Mitte der 1980er-Jahre in Deutschland zu beobachtende „neoliberale Wende“ in der Sozial- und Wirtschaftspolitik und eine damit einhergehende aktivierende Sozialpolitik, „die vom Einzelnen, insbesondere vom Arbeitslosen, mehr Selbstverantwortung, Flexibilität, Aktivität und unternehmerische Initiative in eigenen Angelegenheiten fordert“, auch auf die Normen, Werte und Lebensweisen der Menschen in Deutschland niedergeschlagen. Die AutorInnen stellen auf Grundlage der Umfrage-Ergebnisse die These auf, dass das allgegenwärtige unternehmerische Denken insofern „negative Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt“ habe, als „die Akzeptanz von gesellschaftlicher Solidarität mit und Hilfe für schwache und wirtschaftlich wenig gewinnbringende Gruppen durch marktförmigen Extremismus in Frage gestellt wird, beziehungsweise Ungleichwertigkeit und Menschenfeindlichkeit durch ihn aus der gesellschaftlichen Mitte heraus »sagbar« werden“.

In diesem Zusammenhang konnte die Forschergruppe außerdem nachweisen, „dass extremes Effizienzdenken eng mit rechtsextremen Ideen zusammenhängt: Menschen, die marktförmigen Extremismus befürworten, tendieren auch stärker als andere dazu, den Aussagen zum Rechtsextremismus zuzustimmen“. Besonders stark vertreten ist der marktförmige Extremismus bei Personen, die mit den Argumenten der Partei AfD (Alternative für Deutschland) sympathisieren. Diese scheine als politisches Sprachrohr „die Verbindung von Bedrohungsängsten und marktförmigem Extremismus zu kanalisieren“. So fühlen sich AfD-AnhängerInnen erheblich stärker bedroht und vertreten signifikant stärker marktförmigen Extremismus als der Bevölkerungsdurchschnitt. Besonders deutlich zeigt sich diese Verbindung laut AutorInnen für den Sozialdarwinismus: „AfD-Sympathisanten und bedrohte Personen, die marktförmigem Extremismus zustimmten, vertraten auch besonders stark die Meinung, dass sich, wie in der Natur, auch in der Gesellschaft der Stärkere durchsetzen sollte, dass es wertvolles und unwertes Leben gebe und dass die Deutschen anderen Völkern von Natur aus überlegen seien.“ Die Forschergruppe geht davon aus, dass sich in der „ökonomisch menschenfeindlichen Verbindung von marktförmigem Extremismus mit Rechtsextremismus im wettbewerbspopulistischen Milieu (...) eine reale Gefahr für die Demokratie mit klaren Verbindungslinien in die Mitte unserer Gesellschaft“ offenbart.

Die Studie „Fragile Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014“ kann hier in voller Länge abgerufen werden.


zuletzt verändert: 18.11.2015 15:27

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