6/2014

Schule unter Zielen demokratischer Gerechtigkeit gestalten: Neue KMK-Empfehlung "Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule"

Was tun Schulen, um ihren Unterricht und das sonstige Schulleben aktiv in einer differenzsensiblen Richtung zu gestalten? Wie können im Schulalltag Barrieren für Kinder und Jugendliche aus bestimmten Gruppen und die oft subtilen Mechanismen der Diskriminierung gezielt sichtbar gemacht und unterbunden werden? Welche Unterstützung und Kompetenzen brauchen Lehrkräfte, damit sie einen wirkungsvollen Beitrag zu einer solchen – verkürzt gesagt – ‚interkulturellen‘ Schulentwicklung leisten können? Wie können Schülerinnen und Schüler innerhalb und außerhalb des Unterrichts befähigt werden, mit Differenz konstruktiv umzugehen und entschieden gegen jegliche Formen der Diskriminierung einzutreten?

Diese Fragen wurden am 28. Mai 2014 auf einer Fachtagung der Kultusministerkonferenz (KMK) zum Thema ‚Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule‘ in Berlin diskutiert. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz und nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann warb in ihrer Eröffnungsrede für eine Bildungs- und Gesellschaftspolitik unter dem Ziel der gleichberechtigten Teilhabe aller. Schulen könnten aktiv dazu beitragen, so Löhrmann, Vielfalt als Bereicherung für alle zu leben und Vorurteile abzubauen. Die Ministerin forderte: „Wir müssen weiter intensiv daran arbeiten, dass Bildung die Chancen für Kinder aus Familien mit einer Einwanderungsgeschichte erhöht. Beides gehört für mich untrennbar zusammen: Der Konsens über die Chancen einer respektvollen Kultur der Vielfalt und die gleiche Chance auf Teilhabe am gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Leben durch Bildung.“ (Auszug aus der Pressemitteilung der KMK vom 28.05.2014)

Anlass für die Tagung, an der mehr als 200 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Schulpraxis, Bildungsverwaltungen und Verbänden teilnahmen, war die Empfehlung „Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule“ der KMK, die im Dezember 2013 in aktualisierter Form beschlossen wurde. Diese Empfehlung markiert einen bemerkenswerten Perspektivenwechsel. Bisher setzten bildungspolitische Antworten auf die Erfordernisse der Migration in Deutschland überwiegend an vermeintlichen Defiziten (v.a. in sprachlicher Hinsicht) und/oder kulturellem und religiösem Anderssein der Schülerinnen und Schüler mit einem sogenannten ‚Migrationshintergrund‘ bzw. ihres familialen Umfeldes an. Die KMK rückt nun die Schule selbst als institutionellen und sozialen Ort in den Blickpunkt. In Schulen können soziale Schieflagen verfestigt, durch eine aktive Anpassung an den gesellschaftlichen Wandel – so der Leitgedanke der Empfehlung – potentiell aber auch verändert werden.

Die KMK-Empfehlung versteht Schule als Lern- und Lebensort für alle. Als Ziele werden gleichberechtigte Teilhabe, größtmöglicher Schulerfolg für alle und Integration benannt; zudem sollen alle Schülerinnen und Schüler zum friedlichen und demokratischen Zusammenleben sowie zu verantwortungsbewusstem Handeln in der globalisierten Welt befähigt werden. Als zentrale Herausforderungen erachtet die Kultusministerkonferenz die ‚Interkulturelle Öffnung‘ von Schule und den Abbau struktureller und institutioneller Diskriminierung.

Um diesen Herausforderungen gerecht zu werden, werden teilweise sehr konkrete und praxisbezogene Handlungsvorschläge formuliert:

Die „systematische interkulturelle Entwicklung von Schulen“* soll sich an vier Veränderungsdimensionen orientieren: der Wertschätzung von „Vielfalt als Normalität und Potenzial für alle“, der Vermittlung „interkultureller Kompetenzen im Unterricht aller Fächer und durch außerunterrichtliche Aktivitäten“, der Ausgestaltung von Schule als zentralem Ort zur Vermittlung bildungssprachlicher Kompetenzen und der aktiven Gestaltung von „Bildungs- und Erziehungspartnerschaften mit Eltern“.

Behörden und Schulen werden von der KMK erstmals explizit aufgefordert, „aktiv der Diskriminierung einzelner Personen oder Personengruppen entgegen (zu wirken)“ und zu prüfen, „inwieweit Strukturen, Routinen, Regeln und Verfahrensweisen auch unbeabsichtigt benachteiligend und ausgrenzend wirken, und (...) Handlungsansätze zu deren Überwindung (zu entwickeln).“

Für die konkrete Umsetzung einer differenzsensiblen und diskriminierungskritischen Schulentwicklung werden detaillierte Vorschläge gemacht:

Die pädagogische Entwicklungsarbeit wird als „kontinuierlicher Prozess“ verstanden, der systematisch als Teil der Entwicklung von Schule als lernender Institution gestaltet“ werden soll. Für dessen Steuerung soll die Schulleitung die Verantwortung tragen. Jedoch seien „[i]n den Verständigungsprozess über die Bestandsaufnahme, die Ziele und die von ihnen abgeleiteten Maßnahmen … nicht nur einzelne Personen, sondern alle an Schule beteiligten Gruppen mit ihren Gremien einzubeziehen.“

Die „interkulturelle Schulentwicklung“ soll als Querschnittsaufgabe mit anderen Maßnahmen der Schule abgestimmt werden und die gesamte Schulkultur prägen: „Dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit der Frage, ob und welche konkreten Muster von Bildungsbenachteiligung, unterschiedlicher Beteiligung an Schule und Schulzufriedenheit festgestellt werden können.“ Auskunft zu diesen Fragen sollen schulbezogene Daten vermitteln, u.a. zum Schulerfolg und zur Lern- und Leistungsentwicklung von individuellen Schülerinnen und Schülern sowie Schülergruppen.

Ob solche Anstrengungen in Schulen Wirkungen zeigen, soll durch regelmäßige Evaluationen beleuchtet werden: „Dabei wird insbesondere geprüft, ob durch die Maßnahmen gruppenspezifische Muster von Bildungsbenachteiligung, unterschiedlicher Beteiligung an und in Schule und eventuell direkter und indirekter Diskriminierung abgebaut werden konnten.“

Eine solche Arbeit kann nicht von einzelnen Lehrkräften oder Schulen geleistet werden. Die KMK-Empfehlung fasst daher eine Reihe von Unterstützungssystemen ins Auge, etwa die Integration in allgemeine Qualitätsentwicklung – auch als Gütekriterium in Schulinspektionen; die Erhöhung des Anteils der Lehrpersonen und anderer Fachkräfte mit Migrationshintergrund in Schulen und Behörden sowie die Qualifizierung in Teams, d.h. die Entstehung „professioneller Lerngemeinschaften..., die gemeinsam den Umsetzungsprozess kritisch reflektieren und vorantreiben können.“

Eltern werden ausdrücklich zur Mitarbeit in Gremien ermutigt und einbezogen. In diesem Zusammenhang hat die KMK im Oktober 2013 eine gemeinsame Erklärung mit den Migrantenverbänden zur Bildungs- und Erziehungspartnerschaft von Schule und Eltern abgegeben.

(* Alle Zitate stammen, soweit sie nicht anders ausgewiesen sind, aus der aktualisierten KMK-Empfehlung „Interkulturelle Bildung und Erziehung in der Schule“)

zuletzt verändert: 18.11.2015 15:27

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