07/2012

Nach wie vor prekäre Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Deutschland!

Kürzlich veröffentlichten die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder und das Bundesministerium für Bildung und Forschung ihren 4. Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2012“. Dieser ist Teil einer 2006 von der Kultusministerkonferenz beschlossenen Gesamtstrategie zum Bildungsmonitoring. Mit dem Augenmerk auf der nationalen Ebene werden Entwicklungsstände, Fortschritte und Probleme des deutschen Bildungswesens von der Autorengruppe dargestellt, um bildungspolitische Handlungsempfehlungen zu formulieren.

Der Bericht dokumentiert u.a. die nach wie vor prekäre Bildungs- und Ausbildungssituation vieler Kinder und Jugendliche mit einem sogenannten ‚Migrationshintergrund‘, deren Anteil an der jüngeren Bevölkerung auch künftig weiter zunehmen wird. Ließen sich im Jahr 2010 rund 19% der Gesamtbevölkerung dieser Kategorie zuordnen, lag der Anteil bei den 24-Jährigen bei ca. 23% und den unter 1-jährigen Kindern bei 35% (17).

Hier einige Schlaglichter aus dem umfangreichen Datenmaterial:

-       Hinsichtlich der allgemeinen Bildungsbeteiligung stellt der Bericht u.a. fest, dass trotz leichter Verbesserungen Personen mit Migrationshintergrund aus der Türkei und den ehemaligen Anwerbestaaten eine weiterhin deutlich geringere Bildungsbeteiligungsquote aufweisen als sonstige Angehörige dieser Gruppe (7). Im Vergleich zu 10% bei den Jugendlichen ohne Migrationshintergrund verlassen 30% der Jugendlichen mit Migrationshintergrund frühzeitig die Schule (41). 10% aller 30- bis unter 35-Jährigen mit Migrationshintergrund konnten keinen Schulabschluss vorweisen (im Vergleich zu 1,7% der Personen ohne Migrationshintergrund in dieser Altersgruppe; 43).

-       So ist es auch die schwierige Situation ausländischer Jugendlicher in der Berufsbildung wenig erstaunlich. Noch immer finden sich ausländische Jugendliche vermehrt in den Einrichtungen des sogenannten ‚Übergangssystems‘. In der Gruppe der 30- bis unter 35-Jährigen mit Migrationshintergrund liegt – trotz gewisser Verbesserungen, insbesondere in der Gruppe der türkischstämmigen Frauen – der Anteil derer, die keinen Berufsabschluss haben, mit rund 37% gut 26 Prozentpunkte höher als bei Personen ohne Migrationshintergrund (43).

-       Im Bereich der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung hat sich die Beteiligung der 3- bis unter 6-jährigen Kinder mit Migrationshintergrund leicht erhöht hat und stellt mit 86% in den westlichen Bundesländern nahezu die Regel dar. Dagegen liegt die Betreuungsquote der unter 3-Jährigen mit 13% deutlich unterhalb der Kinder ohne Migrationshintergrund (23%) (58). Bestätigt wurden erneut die seit einigen Jahren festzustellenden Segregationstendenzen von Kindern mit nicht-deutschen Familiensprachen in speziellen Kindertageseinrichtungen, welche stärker ausfallen als das Wohnumfeld erwarten lasse (58).

-       Bei den 15-jährigen Jugendlichen liegt die Quote der Klassenwiederholungen mit 29% bei denen mit Migrationshintergrund mehr als doppelt so hoch wie bei den Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund (14%) (75f.).

-       Auf allen Schulstufen liegt der Anteil der Lehrkräfte mit Migrationshintergrund mit 6,1% unterhalb der Beteiligung von Personen aus dieser Gruppe in anderen Berufen mit Hochschul-/Fachhochschulabschluss (82).

Um ein vollständigeres Bild der komplexen Barrieren zu vermitteln, die für viele Heranwachsende mit Migrationshintergrund – insbesondere Jungen und Kinder aus Familien mit niedrigem sozio-ökonomischen Status – eine erfolgreiche Schul- und Ausbildungskarriere versperren, wäre an vielen Stellen eine weitere Aufschlüsselung nach Kriterien des Migrationshintergrundes aufschlussreich gewesen (z.B. hinsichtlich der Tendenzen zur frühzeitigen bzw. verzögerten Einschulung oder der zunehmenden Tendenz zur Einschulung von Schulanfängerinnen und -anfängern direkt in eine Förderschule).

Auch bedienen die Argumentationslinien im Bericht weiterhin eher Logiken individueller und nicht institutioneller Defizite. So wird etwa festgestellt: "Insbesondere die Gruppen unter den Bildungsteilnehmern, die bisher in ihren Bildungschancen benachteiligt sind, müssen bevorzugte Adressaten eines individuellen Bildungsplanungsmanagements sein, um ihre Bildungschancen zu verbessern (...)" (13). Zwar klingen Forderungen nach ‚Kooperation von Bildungseinrichtungen‘ (12), ‚Institutioneller Öffnung und Differenzierung von Bildungsgängen‘ (13) oder ‚Heterogenisierung und Pluralisierung der Bildungslandschaft‘ (ebd.) vielversprechend. Dass die v.a. durch Migration, sozio-ökonomische Spaltungsprozesse und neuerdings auch durch Inklusion an die Schulen herangetragene Heterogenität der Bildungsvoraussetzungen und -bedürfnisse, Identitäten und Lebenshintergründe von Heranwachsenden ein institutionelles Aufgabenfeld darstellt, das koordinierte Interventionen auf unterschiedlichen Gestaltungsebenen der Schulentwicklung erforderlich macht – einschließlich durchdachter Strategien für eine differenzsensible und diskriminierungskritische pädagogische Praxis – wird im Bericht jedoch kaum reflektiert.

Bildungsbericht 2012

Kurzfassung

zuletzt verändert: 18.11.2015 15:27

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