07/2013

Neue Enthüllungen zum Ausmaß des institutionellen Rassismus in der britischen Polizei rund um die Ermittlungen zum Mord an Stephen Lawrence

Der ehemalige britische Geheimdienstmitarbeiter Peter Francis hat in einem jüngst veröffentlichten Bericht des Guardian Externer Link: Bericht des Guardian (http://www.guardian.co.uk/uk/2013/jun/23/stephen-lawrence-undercover-police-smears) enthüllt, dass er in den 1990er Jahren vier Jahre in die Organisation "Youth against Racism in Europe" Externer Link: "Youth against Racism in Europe" (http://www.yre.org.uk) als aktives Mitglied eingeschleust wurde, um dort im Auftrag der britischen Polizei verdeckte Ermittlungen durchzuführen, die die Familie des 1993 ermordeten schwarzen Jugendlichen Stephen Lawrence sowie die daraufhin initiierte antirassistische Kampagne in Misskredit bringen sollte.

Die Initiative "Youth against Racism in Europe“ hatte sich nach dem rassistisch motivierten Mord an Stephen Lawrence gegründet. Lawrence wurde im April 1993 in Südlondon an einer Bushaltestelle von fünf weißen Jugendlichen, die laut Zeugenaussagen "What, what, nigger?" riefen, niedergestochen (Macpherson of Cluny 1999, 1.3). Die Polizei lehnte es ab, den Vorfall als rassistische Attacke einzuordnen und verschleppte die Aufklärung bis zur Einstellung des Verfahrens. Aufgrund der Beharrlichkeit der Eltern des Opfers wurde die polizeiliche Aufklärungsarbeit wieder aufgerollt. Die im Juli 1997 begonnene zweite offizielle Untersuchung, in deren Verlauf die gesamte polizeiliche Version der Ereignisse zusammenbrach, kam zu dem Ergebnis, dass die Bearbeitung durch die Metropolitan Police "beeinträchtigt war durch eine Kombination von beruflicher Inkompetenz, institutionellem Rassismus und mangelnder Führung durch leitende Beamte" (ebd., 46.1). In dem in der britischen Geschichte beispiellosen Tribunal wurde institutioneller Rassismus auf allen Hierarchiestufen des Polizeiapparats, wie auch in anderen Feldern von Politik und Verwaltung, detailliert zur Sprache gebracht und als Ursache für die fehlgeschlagenen Ermittlungen bestimmt. Die beiden Täter wurden jedoch erst 20 Jahre später, im Januar 2012 des rassistisch motivierten Mords schuldig gesprochen.

Artikel in der Süddeutschen Externer Link: Artikel in der Süddeutschen (http://www.sueddeutsche.de/panorama/gerichtsurteil-in-london-spaete-gerechtigkeit-fuer-stephen-lawrence-1.1250227)

Zur Zeit des Prozesses noch nicht bekannt war, dass der nach der Tat in Lawrence’ Umfeld eingeschleuste Ermittler Francis gezielt darauf angesetzt wurde, die Verstrickungen der Polizei geheim zuhalten und von einer weiteren Untersuchung des Falles abzulenken. Dieser sollte vor allem denunzierendes und diskreditierendes Material über die Kampagne zur Aufklärung des Mordes sowie Freunde und Familienmitglieder von Lawrence zusammentragen. Dem Bericht des Guardian zufolge verheimlichten Francis' Vorgesetzte seinen Einsatz wenige Jahre später absichtlich den Ermittlern der Macpherson-Kommission. Damit stellt sich heute heraus, dass der institutionelle Rassismus der 1990er Jahre in Großbritannien ein noch tiefer verankertes Ausmaß angenommen hatte, als bisher durch den Kommissionsbericht bekannt.

Bitte vergleichen Sie dazu auch unseren Eintrag in WDWB Dezember 2011, in welchem wir zum selben Fall berichteten.

zuletzt verändert: 18.11.2015 15:27

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