06/2013

„Von Galton zu Sarrazin: Rassistische und eugenische Denkweisen im Diskurs akademischer Eliten.“ HSU-Vortrag von Claus-Peter Sesín

Im April dieses Jahres ist der Anti-Rassismus-Ausschuss der Vereinten Nationen zu dem Urteil gekommen, dass die deutsche Justiz im Fall von Thilo Sarrazin die Bevölkerung nicht ausreichend vor rassistischen Äußerungen geschützt hat. Mit dieser Feststellung bezieht sich der VN-Ausschuss auf eine Beschwerde des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg (TBB Externer Link: TBB (http://www.tbb-berlin.de/)), der 2009 geklagt hatte, nachdem sich Sarrazin in einem Interview im „Lettre International“ verächtlich und herabwürdigend über Menschen, insbesondere mit türkischem und arabischem Migrationshintergrund, geäußert hatte. Die Berliner Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren gegen Sarrazin kurz darauf wieder ein. Sie wertete seine Äußerungen als freie Meinungsäußerung. Der VN-Ausschuss lässt hingegen keinen Zweifel daran, dass die Aussagen Sarrazins rassistisch waren und stellt fest, dass Sarrazin eine „Ideologie rassischer Überlegenheit verbreitet“ und zu „rassistischer Diskriminierung angestiftet“ habe. Dies hätte von der Bundesregierung sanktioniert werden müssen, so der Ausschuss. Denn die Ausübung des Rechts auf freie Meinungsäußerung habe Grenzen. Und zu diesen Grenzen gehöre insbesondere die Verbreitung rassistischen Gedankenguts.

Die Gedanken in Sarazzins Buch „Deutschland schafft sich ab“ waren gekleidet in einem wissenschaftlichen Deckmantel. Die Rede von vermeintlich statistischen Zusammenhängen verhalf Sarrazin zu zweifelhafter Glaubwürdigkeit. Dass sich insbesondere die von Sarrazin angestoßene Debatte um eugenische Ideen zu weiten Teilen auf pseudo-wissenschaftliche Forschungsergebnisse eines internationalen rassistischen „Zitierkartells“ stützt, hat Claus-Peter Sesín am 7. Mai im Rahmen unserer öffentlichen Vorlesungsreihe „Systematisch verharmlost? Rechtsextremismus in Deutschland?" an der HSU aufgezeigt. 

Sesín, der heute als freier Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalist in Hamburg lebt und arbeitet, ist bereits Mitte der 1990er Jahre im Auftrag der Zeitschrift GEO vier Wochen lang durch die USA gereist, um den Spuren des sogenannten „scientific racism“ Externer Link: „scientific racism“ (http://www.sesin.de/images/Rassismus.html)  zu folgen. Seine Erkenntnisse über den US-Diskurs hat Sesín im Zuge der Sarrazin-Debatte wieder aufgegriffen. In einem im 2012 erschienenen Sammelband „Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz“ (Hrsg. M. Haller/M. Niggeschmidt) Externer Link: (Hrsg. M. Haller/M. Niggeschmidt) (http://www.springer.com/new+%26+forthcoming+titles+(default)/book/978-3-531-18447-0) veröffentlichten Beitragüber „Sarrazins dubiose US-Quellen“ nimmt Sesín eine genaue Rekonstruktion und Einordnung der von Sarrazin und anderen – vermeintlich wissenschaftlichen – Autorinnen und Autoren benutzten Quellen vor.

Sesíns Vortrag „Von Galton zu Sarrazin: Rassistische und eugenische Denkweisen im Diskurs akademischer Eliten“ sowie die anschließende Diskussion wurden aufgezeichnet und mit freundlicher Genehmigung von Claus-Peter Sesín für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Der Audiomitschnitt kann hier angehört werden.

Vortrag Sesin pdf

Vortrag Sesin Audio

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zuletzt verändert: 01.04.2016 15:34

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