05/2013

“Worüber ich verblüfft bin, ist, dass Rassismus in der Institution so einfach hingenommen werden konnte” – Mehmet Daimagüler, Anwalt zweier Hinterbliebenenfamilien im NSU-Mordprozess, zum Versagen deutscher Sicherheitsbehörden

Am 6. Mait hat im Oberlandesgericht München der Mordprozess gegen die rechtsextreme und rassistische Terrorzelle des NSU („Nationalsozialistischer Untergrund“) begonnen. Im Prozess wird es in dieser und den nächsten Wochen darum gehen, die Mittäterschaft von Beate Zschäpe und vier mutmaßlichen Unterstützern der NSU an der Ermordung von zehn Menschen, zwei Sprengstoffanschlägen sowie 15 Raubüberfällen zu verhandeln. Nach Dr. Mehmet Daimagüler, der als Anwalt zweier Hinterbliebenenfamilien am Prozess teilnimmt, geht es dabei um mehr als um die Suche nach individuell Verantwortlichen. Der Prozess biete, so Daimagüler, über die Frage des Nachweises objektiver Schuld auch die Gelegenheit, sich einem strukturell verankerten Rassismus in Deutschland zuzuwenden.  Gemeint sind offen rassistische oder subtile, stärker in ihrer Wirkung rassistische Denk- und Handlungsweisen, die sich in Institutionen erhalten können (z.B. durch eine 'Kultur' des Übersehens und Wegsehens, welche von den Verantwortlichen nicht geahndet und zu unterbinden gesucht wird). Im Zuge der NSU-Aufklärung deuten sich solche institutionell verankerten Haltungen vielfach an.

Im Rahmen der öffentlichen Vorlesungsreihe „Systematisch verharmlost? Rechtsextremismus in Deutschland?“, die wir zurzeit mit dem „Arbeitskreis Interkulturelle Bildung” an der HSU veranstalten, hat Mehmet Daimagüler von seinen bisherigen Erfahrungen im NSU-Mordprozess berichtet. Sein 60minütiger Vortrag sowie die anschließende 30minütige Diskussion wurden aufgezeichnet und mit freundlicher Genehmigung von Mehmet Daimagüler für die Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Der Audiomitschnitt kann hier angehört werden. Zudem kann eine Transkription des Vortrags in leicht überarbeiteter Version als PDF heruntergeladen werden.

zuletzt verändert: 18.11.2015 15:27

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