09/2013

"Von der Krippe bis zum Arbeitsplatz..." Am 13. August 2013 hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes ihren zweiten Bericht und eine Reihe von Expertisen zu Diskriminierung in Schule und Beruf veröffentlicht.

Der aktuelle Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), der alle vier Jahre in Zusammenarbeit mit den in ihrem Zuständigkeitsbereich betroffenen Beauftragten der Bundesregierung und des Bundestages entsteht, offenbart einmal mehr, wie die Bildungseinrichtungen und der Arbeitsmarkt in Deutschland von Diskriminierungsmechanismen durchzogen sind. Die Teilhabe unterschiedlicher Gruppen im Bildungbereich und Arbeitsleben – zwei Institutionen, in denen zentrale Weichenstellungen für die Lebenschancen erfolgen – ist ein wichtiger Spiegel und Barometer für den Umgang mit Differenz und Vielfalt in unserer Gesellschaft.

Die zugrunde liegenden Studien und Expertisen - "Schutz vor Diskriminierung im Schulbereich""Diskriminierung im vorschulischen und schulischen Bereich" und "Für Chancengleichheit im Bildungsbereich und im Arbeitsleben" - betrachten die soziale Teilhabe und Chancengerechtigkeit in Bezug auf alle im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) formulierten Diskriminierungsmerkmale. Das AGG war als Resultat der Umsetzung von vier europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien in deutsches Recht am 18. August 2006 in Kraft getreten. Es bezieht sich auf rassistische Diskriminierung sowie Diskriminierung aufgrund der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität im Rahmen des Arbeits- und Zivilrechts.

Einige zentrale Ergebnisse des Berichtes der ADS:

Es mangelt faktisch an rechtlichem Schutz vor Diskriminierung, da die landesrechtliche Umsetzung des AGG unzureichend ist (S.70ff, S.130f). Die ADS hält die Verankerung eines umfassenden Diskriminierungsschutzes in den Landesbildungsgesetzen für essentiell, der sich im Übrigen über die im AGG genannten Merkmale der ethnische Herkunft, Religion, Weltanschauung, sexuelle Identität, Alter, Behinderung und Geschlecht hinaus auch auf Benachteiligungen aufgrund der „sozialen Herkunft“ beziehen soll (S.157f).

In Schulen und vorschulischen Einrichtungen wird die gesellschaftliche Vielfalt nicht ausreichend im Betreuungs- und Lehrpersonal respräsentiert (S.65, S.119f). Die ADS weist auch auf diskriminierende Elemente in Stellenausschreibungen hin - im Rahmen einer Analyse von Stellenanzeigen in Berliner Tageszeitungen wurden 12 % als "AGG-kritisch" eingestuft (S.288ff). Der Zugang zu Ausbildungs- und Arbeitsstellen ist für Angehörige AGG-relevanter Gruppen aufgrund von Vorurteilen und Zuschreibungen erschwert, was durch die gängige Rekrutierungspraxis - informelle Arbeitsplatzvergabe, fehlende aktive Rekrutierungspolitik in Hinblick auf die benachteiligten Gruppen - noch verstärkt wird (S.218ff). Die ADS spricht sich in ihrem Bericht für ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren aus, (S.303ff, siehe auch das Pilotprojekt "anonymisierte Bewerbungsverfahren" der ADS), um einerseits vorurteilsbedingte Diskriminierung abzubauen und andererseits die repräsentative Diversität in der Belegschaft zu fördern.

Trotz steigenden Bewusstseins für Heterogenität in Klassen sind der wertschätzende und fördernde Umgang im Schulalltag sowie die aktive Bekämpfung von Diskriminierung an vielen Schulen nicht gegeben, Lehrkräfte fühlen sich mit dem Anspruch des individualisierten Förderns überfordert. Es fehlt an umfassenden Diversity-Konzepten, die mit starken Instrumenten zur Diskriminierungsbekämpfung einhergehen und als wesentliches Element von Schulentwicklung gedacht werden (S.118). Daher empfiehlt die ADS die Ausarbeitung umfassender Schulentwicklungskonzepte, die systematisch Schutz vor Diskriminierung, gleichberechtigte Teilhabe an Bildung und Stärkung der Chancengerechtigkeit gewährleisten und die Institution Schule mit ihren internen und externen Verzahnungen und Mechanismen und eingebettet in das gesamte Bildungssystem und die gesellschaftlichen Umstände in den Blick nehmen (S.162f, 158).

Schließlich stellt sich der Umgang mit Diskriminierungsstrukturen und konkreten Vorfällen als problematisch heraus. Betroffene sowie Lehr- und Betreuungspersonen sind nicht ausreichend über die Rechte in Bezug auf Diskriminierung sowie über Beratungsstellen und Ansprechpartner informiert und der Zugang zu diesen ist oftmals erschwert (S.122ff). Die ADS empfiehlt daher die Einrichtung von unabhängigen Beschwerdestellen an Schulen und Hochschulen, die den Betroffenen schnelle und niedrigschwellige Hilfe anbieten (S.159). Auch Beschwerdestellen in Betrieben benötigen eine verbesserte Vernetzung und Ausstattung (S.299ff).

In dem Bericht der ADS und insbesondere in der Broschüre "Für Chancengleichheit im Bildungsbereich und im Arbeitsleben - Beispiele für gute Praxis" findet sich eine Vielzahl an good-practice-Beispielen von Diversity fördernden sowie Diskriminierung bekämpfenden bzw. vorbeugenden Projekten, Ansätzen und Maßnahmen im Bildungs- und Arbeitsbereich.

zuletzt verändert: 18.11.2015 15:27

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