Forschungsprojekt "Repräsentationen und Materialitäten des Zukünftigen"

Repräsentationen und Materialitäten des Zukünftigen. Methodologie und Methodik zur Erforschung von „Bio-Art“

 

Die unter der Bezeichnung „Bio-Art“ firmierende künstlerische Auseinandersetzung mit Gen- und Biotechnologien adaptiert die Produkte und Praktiken dieser Technologie in Kunstwerken oder Performances und versucht auf diese Weise das Zukünftige, welches sich in der Bio-und Gentechnologie transportiert, visuell und materiell zu entwerfen. Teilweise wird dabei auch eine Kritik an der Rolle von Wissenschaft in der Gesellschaft  formuliert (Pentecost 2008). Mittlerweile existieren eine Vielzahl von Bio-Art-Netzwerken zwischen Künstler_innen, Galerien und Museen wie z.B. das Center for Post Natural History in Pittsburgh, USA oder auch das Art Laboratory Berlin. Die im Feld der „Bio-Art“ vorfindlichen künstlerischen Auseinandersetzungen mit Genetifizierung und Datifizierung des Lebendigen beruhen zumeist auf einer Kooperation mit wissenschaftlichen Einrichtungen oder mit selbständig arbeitenden, sog. Do-it-Yourself Bio-Hackern, welche die gen- und biotechnischen Materialien, Lebewesen und Methoden für die künstlerische Auseinandersetzung zur Verfügung stellen.

„Bio-Art“-Künstler_innen bewegen sich in einem hoch normativ und durch unterschiedliche Interessen geprägten Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Kunst, Wissenschaftskommunikation, Öffentlichkeit, Wissenschaftskritik und Kommerz (Critical Art Ensemble 2006; Cserer/Seiringer 2009; Finke 2014; Lindner 2007). Das Forschungsvorhaben zielt darauf auf, die Dynamiken und die Inhalte dieses Spannungsfeld zu erfassen und zu analysieren und dafür geeignete Methoden zu entwickeln und zu erproben.

 

Fragestellungen

(1)     Wie werden die Versprechen, Verheißungen, möglichen Bedrohungen und potenziellen Grenzüberschreitungen, die die Verfahren der Bio- und Gentechnologien transportieren, in ausgewählten Kunstwerken der Bio-Art von den Künstler_innen bildlich gefasst und künstlerisch repräsentiert? Welche Ideen und leitende Metaphern von (neuen) hybriden und unterschiedlich gestaltbaren gesellschaftlichen Naturverhältnissen sowie deren konkrete Transformationspfade werden in a) den Kunstwerken b) im Gefüge sowie c) den Praktiken von „Bio-Art“ verkörpert?

(2)     Welche spezielle soziale, normative und ästhetische Strukturierungsfunktion erfüllt Bio-Art und wodurch zeichnet sich das weite Sinn- und Bedeutungsspektrum von „Bio-Art“ aus (Leitthemen, Widersprüche etc.)?

(3)     Mit welchen theoretischen Begriffen, grundlagentheoretischen Perspektiven und analytischen Konzepten kann die eher auf Zukünftiges als Gegenwärtiges, eher auf Emergentes als Faktisches, eher auf Unsichtbares als Präsentes ausgerichtete Prozesshaftigkeit von „Bio-Art“, seine vorläufig-spekulative Qualität sowie seine Einbindung in diverse soziale und gesellschaftliche Wechselbeziehungen theoretisch angemessen beschrieben werden?

 

Methodologischer und theoretischer Ausgangspunkt

Die sozialwissenschaftliche Untersuchung eines derartig diffus-imaginären, mehrdeutigen und in vielfache soziale und normative Zusammenhänge eingebundenen Gegenstands wirft die Frage nach einem passenden theoretischen Vokabular und einem angemessenen methodischen Vorgehen auf. Das hier vorgeschlagene Projekt will in Auseinandersetzung mit dem von Gilles Deleuze und Félix Guattari schon vor mehreren Jahrzehnten zur (Er)Fassung von emergenten, im Entstehen begriffenen Phänomenen, entwickelten kulturanthropologischen Konzepts der „assemblage“ eine methodische Vorgehensweise erproben, mit dessen Hilfe Bio-Art als „Gefüge“ analysiert werden soll (Deleuze/Guattari 1974;1992; Marcus/Sake 2006; Wise 2005; ). Ziel ist es, das dynamische Feld der „Bio-Art“ als emergentes Produkt der wechselseitigen Verschränkungen und Transformationen verschiedener Verbindungen von Mikro- und Makro-Ebene in ihren räumlich-materialen wie auch symbolisch-diskursiven Effekten sichtbar zu machen.

 

 

Methodische Vorgehensweise

Die am Assemblage-Konzept ausgerichtete und als Einzelfallstudie angelegte Untersuchung erfasst die Produkte und Praktiken von „Bio-Art“ anhand von drei materialen Artikulationen: erstens die im Zusammenhang mit „Bio-Art“ relevanten mobilen Wissensformen (spezialisiertes Expertenwissen, kursierende künstlerische Thesen etc.); zweitens die lokalen Praktiken und Interaktionen, in denen die Wissensformen angeeignet werden und drittens die Verbindungen und Transfers zwischen verschiedenen lokalen Praktiken und Wissen. Die Bestandteile, Einflüsse und Bedeutungsfaktoren dieses Wissens- und Handlungskonglomerats wie auch die Veränderungen und die Prozessdynamik des spezifischen „Bio-Art“-Gefüges werden über einen Zeitraum von drei Monaten erfasst, innerhalb derer alle zur Fallstudie gehörigen Personen an zwei oder Zeitpunkten befragt wie auch in praxeologisch bedeutsamen Situationen beobachtet werden. Die ausgewählten Personen werden zu ihrem Verständnis von „Bio-Art“ im Hinblick Gen- und Biotechnologie im Allgemeinen, zu denen von ihnen als relevant eingeschätzten Entwicklungen und deren Wirkungen sowie nach ihrem Verständnis der künstlerischen Produkte anderer Beteiligter befragt. Die Gespräche werden mit Erlaubnis der Betroffenen in Form von Protokollen einer teilnehmenden Beobachtung und/oder in Form von Protokollen aufgezeichneter und verschrifteter Interviews festgehalten und durch Protokollierung dessen ergänzt, was die befragte Person selbst anderen signifikanten Personen, zum Beispiel weiteren Künstler_innen, wissenschaftlichem Laborpersonal oder der Presse über den Prozess und die Produkte von „Bio-Art“ berichtet. Diese Informationen werden in Interviews mit jeweils zwei ausgewählten Bezugspersonen abgeglichen. Diese Methode wird von uns als zirkulierende Befragung bezeichnet. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, dass im Zirkel der Beteiligten Informationen erhoben werden, die selbst zirkulieren und zirkuläre Wirkungen haben.

 

Literatur

Critical Art Ensemble, Institute for Applied Autonomy (2009): Kunst und Recht III, Seized. Ausstellung. www.artlaboratory-berlin.org/html/de-ausstellung-15.htm

Cserer, A./Seiringer, A. (2009): Pictures of synthetic biology. A reflective discussion of the representation of synthetic biology (SB) in the German-language media and by SB experts. In: Systems and Synthetic Biology 3(1-4), S. 27-35

Deleuze, G./Guattari, F. (1974): Anti-Ödipus: Kapitalismus und Schizophrenie 1. Frankfurt/M.

Deleuze, G./Guattari, F. (1992): Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie 2, Berlin

Finke, P. (2014): Citizen Science: Das unterschätzte Wissen der Laien. München

Lindner, M. (2007): Kunst im Gentech-Zoo. In: Gegenworte 9, S. 71-74

Marcus, G./ Saka, E. (2006): Assemblage. In: Theory, Culture & Society 23/ 2006, pp. 101-109.

Pentecost, C. (2008): Outfitting the laboratory of the symbolic. Toward a critical inventory of bioart. In: Costa, B. da /Philip, K. (Hg.) (2008): Tactical biopolitics. Art, activism and bioscience. Cambridge, S. 107-123

Wise, J. M. (2005): Assemblage. In: Stivale, C. J. (ed.): Gilles Deleuze: Key concepts. Montreal and Kingston, S. 77-87.

zuletzt verändert: 07.02.2017 17:39

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