ADHS als moralische Landschaft

Jenseits von Ethnomethodologie und Diskursanalyse.

Erprobung des "assemblage"-Ansatzes am Beispiel der ADHS-Problematik

Die AD(H)S-Diagnose und die mit ihr verbundene psychopharmakologische Therapie ist eingebettet in einen vielschichtigen Diskurs, zu dem sich alle in die Thematik Eingebundenen in Beziehung setzen. Er wird beispielsweise den auffällig gewordenen Kindern von Erwachsenen, z.B. Ärzten, Eltern, Lehrer/innen und andere siknifikanten Bezugspersonen, in Form von Erklärungen angeboten, die eine reduzierte Version dessen darstellen, was die Erwachsenen selbst an Wissen und Informationen auf unterschiedliche Art und Weise erworben haben. Alle Beteiligten eignen sich Aspekte des kursierenden Wissens über ADHS an und es hat Folgen für ihr Erleben und Handeln.

Für die Erfassung dieses wechselseitigen Wirkungszusammenhangs versucht diese Studie, den "assemblage"-Ansatz methodisch umzusetzen und methodologisch zu reflektieren. In Anlehnung an Paul Rabinow, der vorschlägt, sich dazu einer Art von wilder bricolage zu bedienen, um die "Gefüge" der Gegenwart als "assemblage" (Deuleuze/Guattari 1990) zu erforschen, sollen die noch nicht systematisch institutionalisierten Zusammenhänge zwischen neuem medizinischen Wissen und neuen Biotechnologien, veränderten Subjektivitäten und Vergemeinschaftungsformen, Mustern der politischen, ethischen und rechtlichen Regulierung und ökonomischen Interessen in konkreten Fallstudien sichtbar gemacht werden.

In zwei exemplarischen Fallanalysen wird multiperspektivisch untersucht, wie sich ein Verständnis von Generation, Geschlecht und Gesundheit inhaltlich und relational zu den jeweiligen körperlichen Klassifikationen bestimmt ist und in welchen Handlungen, Regulativen und Institutionen es struktuiert und ausgestaltet wird.

Dazu werden die sozialen Gefüge eines 7-jährigen und eines 10-jährigen Jungen mit einer AD(H)S-Diagnose im Verlauf eines halben Jahres begleitet. Da sich Kreativität, Kognitivität und Sozialität in diesem Alter stark verändern, werden die Verständnisse und Deutungen der eigenen Geschlechtlichkeit zumindest in zwei unterschiedlichen Altersstufen veranschaulicht und untersucht.

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht eine zirkuläre Befragung und/oder Beobachtung aller beteiligten Personen/Rollenträger. Bei ausgewählten, zum sozialen Setting gehörigen Personen wird ihr Verständnis des betroffenen Jungen im Hinblick auf sein Männlich-Sein, die diagnostizierte "Krankheit" und die "Therapie" zum Gegenstand der Erhebung sowie des Verständnisses, das bei den anderen Beteiligten beobachtet bzw. unterstellt wird.

Aufgrund der sozialen Rahmung der Thematik im medizinischen Feld nimmt die "assemblage" ihren Ausgangspunkt in der sozialen Situation der ärztlichen Aufklärung eines ADHS-Kindes und seiner Eltern über seine diagnostizierte "Krankheit" und die daraus folgende psychopharmakologische "Therapieindikation" nehmen. Dieses Gespräch zwischen einem Experten und mehreren Laien wird mit Erlaubnis der Betroffenen protokolliert: einmal in Form von Protokollen einer teilnehmenden Beobachtung und zum zweiten in Form von Protokollen aufgezeichneter und verschrifteter qualitativer Interviews.

Ebenso protokolliert wird das, was die Eltern oder das Kind selbst anderen signifikanten Personen, zum Beispiel weiteren Verwandten, Lehrer/innen, Peers oder Geschwistern über das geschlechtliche Selbst, die Diagnose und Therapieindikation berichten. Wenn keine direkten Protokollierungen möglich sind, werden Eltern und Kind befragt, was sie diesen Personen gesagt haben.

Diese Informationen werden, und das wäre dann der dritte methodische Schritt, in Interviews mit jeweils zwei ausgewählten Bezugspersonen abgeglichen. Diese Bezugspersonen variieren mit dem Fall; es ist also denkbar, dass einmal die Lehrerin und der Bruder interviewt werden, das andere Mal die Tante und der Nachbarsjunge in das Sample integriert werden.

zuletzt verändert: 02.12.2012 17:35

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