Graduiertenkolleg "Lose Verbindung. Kollektivität im urbanen und virtuellen Raum"

Von der Hamburger Landesforschungsförderung unterstützte Graduiertenkolleg "Lose Verbindungen: Kollektivität im urbanen und digitalen Raum" ist an der Universität Hamburg unter der Federführung von Prof. Dr. Urs Stäheli angesiedelt und beteiligt Wissenschaftler_innen verschiedener Hamburger Universitäten

FORSCHUNGSPROGRAMM

In jüngster Zeit wird unterschiedlichen Formen des Zusammenseins eine erstaunliche Prominenz zuteil, die bisherige Vorstellungen des Kollektiven auf den Prüfstand stellen: Protestbewegungen wie Anonymous entwickeln dezentrale Steuerungsformen im Internet, die sie in den urbanen Raum übertragen; die Occupy-Bewegung besetzt städtische Plätze und organisiert sich gleichzeitig über Social Media; neue Formen der Gastfreundschaft (z.B. Hospitality-Networks) kommen durch Social Media zustande und finden gleichzeitig ihren Ausdruck in klassischen face-to-face Interaktionen; urbaner Raum lässt sich auf Grundlage von digitalen kollektiven Gedächtnissen erfahren (z.B. Clio; Spotted by Locals). Diese Formen des Zusammenseins zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht nur ‚virtual communities’ sind, sondern dass sie sich gleichzeitig auch im städtischen Raum materialisieren und erfahren werden. Urbane und digitale Räume sind nicht mehr voneinander losgelöst, sondern verschränken sich auf bisher kaum verstandene Weise. So sind digitale Infrastrukturen im urbanen Raum verortet (z.B. Mobilfunkantennen), während dieser sich digitalisiert (z.B. Smart City).

Das Graduiertenkolleg untersucht, wie durch die wechselseitige Strukturierung urbaner und digitaler Räume, ja sogar deren Vermischung, neue hybride Räume entstehen und was diese Verschränkung für die Entstehung von Kollektivität bedeutet. Jede Form des Zusammenseins verfügt über eine räumliche Dimension: Dies gilt für klassische Kollektivitäten wie den Nationalstaat, der über sein Territorium bestimmt wird, wie auch für Kollektivitäten, die in digitalen Räumen entstehen, wie zum Beispiel auf der Internetplattform ‚Second Life’ oder in anderen anonymen Chat- und Spielforen. Meist wurden diese Räume als parallel und weitgehend unabhängig voneinander verstanden, was auch dazu geführt hat, dass sich unterschiedliche Disziplinen mit ihnen jeweils einzeln beschäftigt haben: Die Sozialwissenschaften z.B. mit Territorien oder mit städtischen Plätzen, die Medienwissenschaften mit dem ‚cyberspace’ oder mit virtuellen Räumen. In den letzten Jahren zeichnet sich jedoch ab, dass die saubere Trennung dieser Räume immer schwerer fällt: Digital organisiertes Zusammensein beschränkt sich keineswegs nur auf den digitalen Raum, sondern findet in öffentlichen Versammlungen im städtischen Raum neue Ausdrucksformen (z.B. Anonymous-Proteste). Gleichzeitig wird auch der städtische Raum insbesondere durch ortsbasierte Medien und die Allgegenwart von Smartphones digitalisiert. Dadurch werden spontane Organisationsformen möglich, die nicht zuletzt auch Fremde zusammenführen (man denke hier an die Organisation von dezentralen Protesten, aber auch die Schaffung von Mikrokollektiven wie z.B. Gastgemeinschaften durch Couchsurfing): Man findet gleichzeitig im Netz und vor Ort zusammen. Genau dies ist mit der wechselseitigen Durchdringung von urbanen und digitalen Räumen gemeint. Auf diese Weise hat sich, so unsere Annahme, die Voraussetzung für die Entstehung unterschiedlichster Formen von Kollektivität verändert. Damit formulieren wir keine raum- oder gar eine technikdeterministische Annahme. Räume, seien diese urbaner oder digitaler Natur, sind nicht einfach gegeben, sondern werden angeeignet und damit auch sozial mitproduziert. Es ist also gerade diese Wechselbeziehung zwischen urban/digitalen Räumen und der Herausbildung von Kollektivität, mit der wir uns beschäftigen. 

zuletzt verändert: 20.02.2015 11:50

Artikelaktionen